Unsere Analysen für die strategische Netzentwicklung zeigen: Je nach Instrument und Spannungsebene lassen sich Netzausbaukosten substanziell reduzieren – in Einzelbetrachtungen bis hin zu mittleren zweistelligen Prozentwerten, etwa durch Lastmanagement in Anlehnung an § 14a EnWG in lastdominierten Niederspannungsnetzen oder durch gezielte Nutzung von Netztransparenz in der Planung.
Für planungssichere Entscheidungen bestehen jedoch weiterhin regulatorische Lücken:
§ 14a EnWG ist derzeit vor allem als temporäres Instrument ausgelegt; ein Dauereinsatz zur planungsseitigen Substitution von Ausbaumaßnahmen ist bislang nicht vorgesehen. Zudem berücksichtigt § 14a EnWG nur die Auswirkungen einer vorgenommenen Steuerung auf die Niederspannung.
Spiegelbildlich zeigt sich bei der Erzeugung und der Umsetzung der Spitzenkappung: Redispatch ist für Hoch- und Mittelspannung etabliert, während in der Niederspannung zwar eine 60‑%‑Einspeisebegrenzung bis zur Herstellung der Steuerbarkeit über iMSys für bestimmte Neuanlagen gilt, nachfolgend jedoch klare, skalierbare Steuerungsregeln fehlen.
Hier braucht es eine politische Klärung und Weiterentwicklung der Instrumente – idealerweise mit einem Zielbild, das zwischen Erzeugung und Bezug sowie über Spannungsebenen hinweg ganzheitlich denkt. Wünschenswert wäre, dies bereits in einer der für dieses Jahr angekündigten EnWG-Novellen zu adressieren. Dabei besteht mit Blick auf den dauerhaften Einsatz von Flexibilitätsinstrumenten eine zentrale Herausforderung darin, den zulässigen Umfang von Steuerungseingriffen bzw. Einschränkungen für die Netznutzer bis zu einem zwingenden Netzausbau zu definieren.
Bis dahin sollten Verteilnetzbetreiber allerdings nicht abwarten, sondern bereits heute die ganzheitliche Nutzung von Digitalisierung in der strategischen Langfristsicht auf Netzplanung und -betrieb vordenken. Während das NOVA-Prinzip schon lange sein „X“ dazugewonnen hat, können Flexinstrumente weit tiefer in der Planung berücksichtigt werden, als das bei den meisten Netzbetreibern derzeit der Fall ist. Die Auswertung der Netzausbaupläne nach § 14d EnWG zeigt, dass Digitalisierung und Flexibilitätsoptionen bislang nur von wenigen Netzbetreibern in unterschiedlichen Ausprägungen in der langfristigen Netzausbauplanung berücksichtigt wurden.
Zentrale Flexibilitäts- und Digitalisierungsinstrumente zur Reduktion von Netzausbau, deren Potenziale im Rahmen eines sogenannten Flexcases untersucht werden können, sind:
- Dauereinsatz § 14a EnWG: Reduktion des Netzausbaus durch Steuerung seltener Lastspitzen
- EE-Spitzenkappung: Reduktion des Netzausbaus durch Verringerung von Einspeisespitzen
- Flexible Netzanschlussverträge: Reduktion des Netzausbaus durch vertragliche Regelungen zu netzneutralem oder netzdienlichem Verhalten
- Blindleistungsmanagement: Reduktion von Spannungsengpässen durch gezielte Blindleistungsregelung
- Finanzielle Anreize: Reduktion des Netzausbaus durch finanzielle Anreize für netzdienliches Verhalten
- Netzdienliche Speicher gemäß § 11a EnWG: Reduktion des Netzausbaus durch gezielte Ein- und Ausspeicherung
- Nutzung der Netztransparenz in der Planung: Reduktion Netzausbau durch bessere Abschätzung der tatsächlichen Auslastung
Grafik 1: Flex- und Digitalisierungsinstrumente: Wirkungspotenzial (Maximum) auf die Reduktion der Netzausbaukosten in Niederspannung (NS) und Mittelspannung (MS)
Besonders vielversprechend auf der Niederspannungsebene sind nach unseren Untersuchungen der (zukünftige) Dauereinsatz des § 14a EnWG für lastgetriebene Netze, EE-Spitzenkappung für erzeugungsgetriebene Netze sowie die gezielte Nutzung der Netztransparenz in der Planung. In der Mittelspannungsebene zeigen insbesondere flexible Netzanschlussverträge ein hohes Potenzial, notwendigen Netzausbau zu reduzieren. Auch die meisten der übrigen Instrumente können – je nach Netzstruktur, EE‑Mix und Lastentwicklung – substanzielle Beiträge leisten.
Grafik 2: Einsparung von Netzausbaukosten durch Einsatz von Flexibilitäts- und Digitalisierungsinstrumenten
Den Einsparungen durch den Einsatz von Flexinstrumenten gegenüber stehen die dadurch ausgelösten zusätzlichen Digitalisierungskosten. Konkrete Berechnungen im Rahmen strategischer Zielnetzplanungen bei Netzbetreibern zeigen jedoch, dass auch unter Berücksichtigung der Digitalisierungskosten signifikante Anteile der Netzausbaukosten bis 2045 eingespart werden können, wobei eine hohe Varianz zwischen Netzbetreibern deutlich wird. Insbesondere, aber nicht nur, für mittlere bis große Netzbetreiber und Kooperationen von Netzbetreibern zeigt sich eine aktive Nutzung der Werkzeuge als stark vorteilhaft.
Im Ergebnis empfehlen wir die Betrachtung eines über die aktuellen Regelungen hinausgehenden Flexibilitätseinsatzes als Sensitivität im Rahmen der strategischen Netzentwicklung, um die netzspezifisch möglichen Einsparungen durch Digitalisierungs‑ und Flexibilitätsinstrumente transparent zu quantifizieren und in die Planungsentscheidungen zu integrieren.
Dr. Andreas Nolde
Partner
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