Newsletter Nachhaltigkeit | 21.01.2026 Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen – ist die Energiewende schon weiter als gedacht? Autoren: Sarah Welter

 

Neue Auswertungen zeigen, dass sich Emissionen in immer mehr Ländern relativ oder gar absolut vom Wachstum entkoppeln. Die weltweite Energiewende zeigt sich damit widerstandsfähiger, als die globale Nachrichtenlage vermuten lassen würde. Was das für Klimaziele bedeutet und warum diese Entwicklung für Energieversorger strategisch entscheidend ist, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Wie Entkopplung definiert wird

In der Klima- und Energiepolitik gilt die Entkopplung von wirtschaftlicher Entwicklung und Treibhausgasemissionen als zentrale Voraussetzung für das Erreichen langfristiger Klimaziele. Für Unternehmen und insbesondere für Energieversorger ist Entkopplung jedoch mehr als ein politisches Schlagwort. Sie beschreibt, ob wirtschaftliche Wertschöpfung dauerhaft mit Emissionen verbunden bleibt, oder ob sich dieser Zusammenhang strukturell löst.

Entkopplung beschreibt keinen festen Zustand, sondern das Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Emissionsentwicklung. Drei Konstellationen lassen sich unterscheiden:

  1. Von absoluter Entkopplung spricht man, wenn die Wirtschaft wächst und die Emissionen gleichzeitig sinken.
  2. Relative Entkopplung liegt vor, wenn Emissionen zwar noch steigen, jedoch langsamer als das Bruttoinlandsprodukt.
  3. Die dritte Konstellation wird als fehlende Entkopplung bezeichnet und liegt vor, wenn Emissionen steigen, während die Wirtschaftsleistung stagniert oder zurückgeht.


Für die Erreichung der Klimaziele ist langfristig eine vollständige absolute Entkopplung erforderlich.

Globale Entwicklung zeigt strukturelle Verschiebung

Aktuelle Auswertungen der Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU) zeigen eine deutliche Veränderung der globalen Entwicklung. Die zugrunde liegenden territorialen Emissionsdaten decken 99,4 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und 95,5 % der globalen Emissionen im Jahr 2024 ab und erlauben damit eine robuste Einordnung.
In der Dekade vor dem Pariser Klimaabkommen, von 2006 bis 2015, erreichten 32 Länder eine absolute und weitere 35 eine relative Entkopplung. Im Zeitraum von 2015 bis 2023 stieg die Zahl der Länder mit absoluter Entkopplung auf 43, während 40 Länder relativ entkoppelt waren. Insgesamt entfallen heute rund 92 % des globalen Bruttoinlandsprodukts und 89 % der weltweiten Emissionen auf Volkswirtschaften mit relativer oder absoluter Entkopplung.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Entwicklung einzelner Jahre als die langfristige Bewegung vieler Länder zwischen den Kategorien. Die ECIU unterscheidet Volkswirtschaften, die in beiden betrachteten Zeiträumen absolute Entkopplung erreicht haben, von Ländern, die erst im jüngeren Zeitraum in diesen Zustand übergegangen sind. Zu den konstant absolut entkoppelten Volkswirtschaften zählen unter anderem Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und die USA. Erstmals absolute Entkopplung erreichten unter anderem Australien, Brasilien, Mexiko, die Vereinigten Arabischen Emirate und Südafrika. Diese Befunde erweisen sich als robust gegenüber unterschiedlichen Zeitfenstern. Kurzfristige Effekte wie während der COVID-19-Pandemie verändern das Gesamtbild nicht grundlegend.

Der Schritt von relativer zu absoluter Entkopplung entscheidet über die Klimaziele

Trotz dieser Fortschritte bleibt die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Entkopplung essenziell. Relative Entkopplung senkt zwar die Emissionsintensität des Wachstums, führt jedoch nicht zu sinkenden Gesamtemissionen, sondern lediglich zu einer Verlangsamung des weiteren Anstiegs. Maßgeblich für die Klimaneutralität ist daher eine dauerhafte absolute Entkopplung.

Die Entwicklung in Deutschland als Referenzfall

Deutschland zeigt exemplarisch, wie absolute Entkopplung entstehen kann. Trotz insgesamt wachsender Wirtschaftsleistung sind die Treibhausgasemissionen in den vergangenen Jahren strukturell zurückgegangen. Wesentliche Treiber waren der Ausbau erneuerbarer Energien in der Stromerzeugung, der Rückgang fossiler Energieträger sowie Effizienzgewinne in Industrie und Gebäuden. Die absolute Entkopplung besteht auch dann fort, wenn konsumbasierte Emissionen – also inklusive Importen – zugrunde gelegt werden. Damit ist die Entkopplung nicht primär durch die Verlagerung emissionsintensiver Produktion ins Ausland zu erklären, sondern hängt direkt mit national ergriffenen Klimaschutzmaßnahmen zusammen.

Gleichzeitig verdeutlicht die deutsche Entwicklung, dass Entkopplung kein Selbstläufer ist. Der langfristige Erfolg hängt davon ab, ob der Umbau des Energiesystems konsequent fortgeführt wird. Neben dem weiteren Ausbau von Photovoltaik und Windenergie gewinnt die Dekarbonisierung des Energieverbrauchs an Bedeutung. Der verstärkte Einsatz von Wärmepumpen, Elektromobilität und elektrifizierten Anwendungen sowie der Ausbau von Speichertechnologien sind entscheidend, um erneuerbare Erzeugung und Nachfrage dauerhaft in Einklang zu bringen.

Strategische Implikationen für Energieversorger

Die deutsche Entwicklung zeigt, dass absolute Entkopplung vor allem dort gelingt, wo der Umbau des Energiesystems konsequent vorangetrieben wird. Für Energieversorger und Nachhaltigkeitsmanager ist dies von hoher strategischer Relevanz. Entkopplung ist ein Hinweis darauf, dass Emissionsminderungen zunehmend strukturell getragen werden und nicht mehr primär auf konjunkturelle Effekte zurückzuführen sind.

Für Nachhaltigkeitsmanager wird Entkopplung damit zur Argumentationsgrundlage, um aufzuzeigen, dass die Dekarbonisierung weltweit längst eine selbsttragende Dynamik entwickelt hat und somit unabhängig von der politischen Konjunktur eine wichtige Rolle für die Zukunft eines Energieversorgers spielt. Die internationalen Befunde und die Entwicklung in Deutschland zeigen, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und sinkende Emissionen vereinbar sein können, sofern der Umbau des Energiesystems konsequent vorangetrieben wird.

Studie der Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU)
 

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