Studie: Systemdienliches Strommarktdesign zur Reduktion von Systemkosten und Erreichung der Klimaziele
Die Unternehmensberatung BET Consulting hat ein Konzept für ein neues Strommarktdesign zur kosteneffizienten Erreichung der Klimaziele vorgestellt. Der Vorschlag soll den Ausbau erneuerbarer Energien besser mit dem Netzausbau synchronisieren und zugleich Systemkosten senken. Nach Berechnungen des Unternehmens könnten dadurch Einsparungen von mehr als 120 Milliarden Euro entstehen.
Das deutsche Energiesystem steht vor entscheidenden Weichenstellungen. Der Gesetzgeber ist in der Pflicht, bis zum Ende des Jahres 2026 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) grundlegend zu reformieren, um die Spielregeln des künftigen Strommarkts und die Finanzierungsbedingungen für Erneuerbare Energien neu zu definieren.
Aufbauend auf den Erkenntnissen des im Sommer 2025 für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie durchgeführten Energiewende-Monitorings hat die BET Consulting GmbH in den letzten Monaten einen Vorschlag für ein neues systemdienliches Strommarktdesign erarbeitet.
Er rückt die Reduktion der Systemkosten sowie die Systemdienlichkeit der Maßnahmen stärker in den Mittelpunkt und soll in der aktuell überhitzt geführten Debatte um Netzpaket und EEG-Reform einen konstruktiven Beitrag leisten. Dabei werden sowohl die Herausforderungen im Netzausbau und -betrieb als auch die Interessen und Herausforderungen der Marktteilnehmer ausgewogen berücksichtigt. Es werden Allokationssignale gegeben, die sowohl Netz- und EE-Ausbau synchronisieren können, ohne sie zu verlangsamen, und systemdienliche Anreize resultieren.
Anlässlich der Vorstellung des Konzepts in Berlin am 10. März 2026 erklärt der Geschäftsführer der BET Consulting GmbH, Dr. Alexander Kox:
„Unser Konzept für ein ganzheitliches Strommarktdesign zur kosteneffizienten Erreichung der Klimaziele ermöglicht es, Marktwerte der erneuerbaren Energien zu erhöhen, Förderkosten zu reduzieren, Netzausbaukosten erheblich zu senken, Versorgungssicherheit zu stärken und gleichzeitig den Pfad hin zur Klimaneutralität nicht zu verlassen. Wir gehen davon aus, dass unter Anwendung dieses Vorschlags Einsparungen für die Volkswirtschaft in Höhe von über 120 Milliarden Euro möglich sind. Der Vorschlag tariert Chancen und Risiken zwischen Netz- und Anlagenbetreibern ausgewogen aus. Aus dem Monitoring-Bericht resultiert klar: Zur Erreichung der Klimaneutralität brauchen wir sowohl den weiteren zügigen EE-Ausbau und Netzausbau. Ziel muss aber auch sein, Systemkosten durch eine ganzheitliche Betrachtung sowie eine systemische Einbindung von Flexibilitäten zu reduzieren. Hierzu müssen sowohl Investitionssicherheit für neue EE-Anlagen geschaffen, Flexibilitäten in das System integriert, aber auch mehr Kosteneffizienz durch eine bessere Synchronisation von Netz- und EE-Ausbau sichergestellt werden. Unser Vorschlag erreicht genau dies.“
Das von BET entwickelte Marktdesign beruht auf zwei Säulen:
Die erste Säule adressiert die systemdienliche Integration neuer EE-Anlagen. Damit einher geht eine Reduktion von Systemkosten durch EE sowie Reduktion des Netzausbaubedarfs. Zentral sind hierbei die Einführung einer systemdienlichen Anschlussleistung (SAL) als Bemessungsgröße für den weiteren Netzausbau sowie eines Optionenmodells zur Synchronisation von Netz- und EE-Ausbau. Die zweite Säule behandelt Anreize für eine verbesserte systemdienliche Integration markt- und netzdienlicher Flexibilität.
Die SAL definiert eine Leistung (i.d.R. kleiner als die installierte Leistung) bis zu der eine EE-Anlage garantiert in das Netz angeschlossen wird und einspeisen kann oder für netzseitige Abregelung kompensiert wird. Da die SAL im Vergleich zur maximal installierten Leistung geringer ist, schafft dies zusätzliche Kapazitäten und reduziert den erforderlichen Netzausbau.
Für Neuanlagen, die eine EEG-Förderung erhalten, wird die SAL den garantierten Netzzugang definieren. Strommengen unterhalb der SAL sind durch Kompensation für Redispatch und Nachholbarkeit bei nicht-positiven Preisen kalkulierbar. Dies schafft dauerhaft Investitionssicherheit beim weiteren EE-Ausbau. Für Mengen, die oberhalb der SAL liegen, werden wirksame Anreize geschaffen, netzdienliche Steuerung auf Basis individueller Vereinbarungen in Form von Flexible Connection Agreements (FCAs) vorzunehmen oder den erzeugten Strom außerhalb des öffentlichen Netzes („behind the meter“) selbst zu verbrauchen oder zwischenzuspeichern.
Ralph Kremp, Partner für Energiepolitik und Systemanalyse bei der BET Consulting GmbH, kommentiert die Vorteile dieser ersten Säule des Modells: „Wenn die SAL zur Bemessungsgrundlage für den Netzausbau wird, kann dieser deutlich reduziert werden. Es muss nicht mehr für das letzte Kilowatt ausgebaut werden, für das der Ausbau teurer ist als der Wert des eingespeisten Stromes. Hierdurch lassen sich Netzausbaukosten in Höhe von 80 Mrd. Euro einsparen. Auch Projektierer können die Wirtschaftlichkeit zukünftiger Erzeugungsparks in diesem Modell klar planen, wenn sie eine systemdienliche Anlagenauslegung wählen.“
Um in der Übergangszeit bestehende Netzengpässe zu reduzieren, schlägt BET ein Optionenmodell für die Vorgehensweise bei beschränkten Netzanschlusskapazitäten vor, was die Synchronisation von Netz- und EE-Ausbau verbessern kann. Ist die Netzkapazität technologiebezogen für einen Anschluss gemäß Konzept der SAL in einem Netzabschnitt nicht gegeben, existieren drei Optionen:
- Option 1 sieht vor, dass sich Netz- und Anlagenbetreiber als Übergangsregelung auf eine Flexible Anschlussvereinbarung (FCA) mit verringertem finanziellem Ersatz beim Redispatch bis zum Zeitpunkt des erfolgten Netzausbaus verständigen können. Der Rahmen für derartige FCA muss dabei klar gesetzlich definiert und diskriminierungsfrei sein.
- Alternativ ist mit Option 2 eine Verschiebung des Netzanschlusses der EE-Anlage auf den Zeitpunkt des erfolgten Netzausbaus unter Wahrung einer einzuhaltenden Frist von maximal vier Jahren möglich.
- Entscheidend ist aber die zusätzliche Option 3. Damit sowohl Netz- als auch Anlagenbetreiber einen Anreiz haben, sich auf eine der o. g. Optionen zu verständigen, ist diese Option mit wirtschaftlichen Konsequenzen für beide Seiten verbunden. Diese Fallback-Option sieht vor, dass der Anschluss der EE-Anlage zum begehrten Anschlusszeitpunkt erfolgen muss, der Anlagenbetreiber jedoch 50% der anfallenden Redispatchkosten (bis maximal 10% der erzeugten Jahresmenge) selbst tragen muss. Der Netzbetreiber muss Kosten in gleicher Höhe tragen, ohne dass er sie auf die Erlösobergrenze wälzen kann.
Kremp: „Kernstück des Optionenmodells ist der Anreiz zur Kooperation, indem gesetzlich eine wirtschaftlich unattraktive, aber dennoch kalkulierbare Fallback-Option definiert wird. Damit unterscheidet sich unser Modell von vielen anderen Lösungsansätzen, da es bilaterale Verhandlungen in den Mittelpunkt rückt.“
Die zweite Säule der Studie besteht in einem Instrumentenmix für stärkere Flexibilitätsanreize. Hierzu gehören bekannte Instrumente wie dynamische Preise und zeitvariable bzw. dynamische Netzentgelte. Da jedoch in dem Vorschlag weitere Anreizinstrumente greifen, muss von den Netzentgelten nicht die vollständige Steuerungswirkung ausgehen. In der konkreten Ausgestaltung können diese daher im Vergleich zu den aktuell im Rahmen des AgNes-Prozesses der Bundesnetzagentur diskutierten Vorschläge deutlich pragmatischer und somit auch praxistauglicher ausgestaltet werden.
Weitere Elemente sind Anreize für die Nutzung der Mengen oberhalb der SAL durch Speicherlösungen und Lastverschiebung, eine Berücksichtigung von Flexibilität in einem zukünftigen Kapazitätsmarkt und die Reduktion bestehender Hemmnisse für Sektorkopplung. Durch mehr Nachfrageflexibilität werden die positiven Effekte einer systemdienlichen EE-Auslegung weiter verstärkt. Dies wirkt auf Strompreise sowie Marktwerte ein, reduziert Förderkosten und senkt somit Systemkosten und erleichtert die marktbasierte Refinanzierung der EE.
Dr. Kox abschließend: „Mit dem Konzept eines ganzheitlichen Strommarktdesigns stellen wir ein Modell zur Diskussion, das das Stromsystem ganzheitlich in den Blick nimmt, und dabei die Ziele Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz fest im Blick hat. Hierdurch ist es möglich, das Spannungsfeld zwischen Kosteneffizienz beim Netzausbau und Investitionssicherheit für EE-Ausbau aufzulösen und eine für alle Akteure zufriedenstellende Lösung zu finden."
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Dr. Lukas Löhr
Leiter Kompetenzteam Energiemarktmodelle & Preisprognosen +49 241 47062-436 Jetzt kontaktieren

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