Handel & Vertrieb | 24.03.2026 Der Wettlauf im nationalen Emissionshandel beginnt: Warum Abwarten keine Option ist Autoren: Dr. Mario Götz | Jasper Specht

 

Für Stadtwerke werden Emissionszertifikate im Jahr 2026 nicht nur teurer, sondern auch komplizierter. Denn sie werden dann nicht mehr zu Festpreisen verkauft, sondern versteigert. Die vorläufige Versteigerungsmenge liegt nach heutigem Stand jedoch deutlich unter der für 2026 erwarteten Emissionsmenge. Zudem ist das Auktionsfenster kurz und es sind Pro-rata-Kürzungen im Mechanismus angelegt. Wer erst im Juli beginnt, über Beschaffung nachzudenken, startet zu spät und lässt Marktchancen ungenutzt.

Was bisher geschah

Seit Einführung des nationalen Emissionshandels (nEHS) im Jahr 2021 war die Beschaffung von Emissionszertifikaten für Inverkehrbringer fossiler Brennstoffe vor allem eines: planbar. Ein echter Handel fand zunächst nicht statt. Stattdessen wurden Zertifikate zu gesetzlich festgelegten Preisen versteigert. Das sorgte für hohe Sicherheit beim Preis und ermöglichte zugleich, die benötigten Mengen bis zum Jahresende vergleichsweise präzise zu beschaffen.

2026 endet diese Komfortzone. Denn das Marktdesign des nEHS ändert sich grundlegend und teilt sich erstmals in drei Phasen:

  • Auktionsphase: vom 6. Juli bis 2. November 2026 im Preiskorridor von 55 bis 65 Euro je nationales Emissionszertifikat (nEZ)
  • Festpreisphase: anschließend im November und Dezember 2026 zu 68 Euro je nEZ
  • Nachkaufphase: ab Januar 2027 zu 70 Euro je nEZ
     

Wer nun allerdings gehofft hatte, alle benötigten Zertifikate zu 65 €/nEZ in der Auktionsphase beschaffen zu können, könnte enttäuscht werden – mit erheblichen Folgen für die Beschaffungskosten. Ursache ist eine deutliche Knappheit an auktionierten Zertifikaten. 

Die Knappheit ist systemisch

Die vorläufige Versteigerungsmenge von 195 Millionen nEZ ist kein technisches Detail, sondern der Kern des Problems. Denn die Versteigerungsmenge basiert zwar auf der 2026er Emissionsobergrenze (Cap) von knapp 255 Millionen nEZ, hiervon wird aber der kumulierte Zusatzbedarf aus der Festpreisphase 2021 bis 2025 abgezogen. Damit startet der Primärmarkt nach heutigem Stand rechnerisch mit einer Lücke von rund 60 Millionen Zertifikaten – das entspricht nahezu einem Viertel des Cap.

Diese Knappheit trifft auf einen Markt, in dem kurzfristig keine spürbare Entlastung durch sinkende Emissionen erkennbar ist. Nach vorläufigen DEHSt-Daten lagen die Emissionen im nEHS 2024 bei 294,7 Millionen Tonnen CO₂; die zulässige Obergrenze wurde erstmals deutlich um rund 17,2 Millionen Tonnen überschritten (siehe Abb. 1). Das ist ein klares Signal: Der Beschaffungsdruck wird tendenziell noch größer.

Das Marktfenster ist kürzer, als es auf den ersten Blick erscheint

Hinzu kommt: Das Auktionsfenster ist kurz. Nach dem vorläufigen Kalender der EEX wird es ab Juli zwar 18 Auktionstermine geben, deren Anzahl sich jedoch wahrscheinlich noch einmal reduzieren wird. Denn wenn in den frühen Auktionen die sogenannte „65-Euro-Regel“ voll greift, wäre bereits der 14. September 2026 der letzte Auktionstermin. Beschaffungsdruck wird damit systematisch in die ersten Auktionen gezogen.

Die strategische Konsequenz ist klar: Wer die ersten Termine nur beobachtet, um „ein Gefühl für den Markt“ zu bekommen, riskiert, genau die Phase zu verpassen, in der noch Mengen gesichert werden können. Abwarten mag in ruhigen Märkten vernünftig sein. In einem potenziell vorzeitig knappen Auktionsfenster ist es das Gegenteil.

65 Euro sind keine Mengengarantie

Viele Marktteilnehmer denken beim nEHS 2026 zunächst in Preisen. Tatsächlich wird aber die Menge zum eigentlichen Engpass. Übersteigt die Gebotsmenge zum Clearing-Preis die noch verfügbare Menge, werden die Gebote auf diesem Preisniveau anteilig gekürzt. Dies könnte das wahrscheinliche Beschaffungsszenario sein.

Für Stadtwerke ist besonders wichtig: Selbst ein Gebot am oberen Rand des Preiskorridors schützt nicht automatisch vor Unterdeckung. Auch bei 65 Euro ist die gewünschte Menge nicht garantiert, wenn die Nachfrage auf diesem Preisniveau die verfügbare Menge übersteigt. 2026 braucht man deshalb keine reine Preismeinung, sondern eine belastbare Gebotslogik, um Pro-rata-Kürzungen zu antizipieren.

Zwar endet der Markt nicht mit der letzten Auktion. Nach Abschluss der Auktionen werden nEZ 2026 in unbegrenzter Menge in der Festpreisphase zu 68 Euro verkauft; zusätzlich ist bis Ende August 2027 ein begrenzter Nachkauf zu 70 Euro möglich. Diese Wege sollten jedoch keine Alternative zur Auktionsbeschaffung sein, sondern als Rückfalloptionen für Mengen, die nicht in der Auktion beschafft werden konnten, dienen. Wer in den Auktionen leer ausgeht, beschafft teurer.

Stadtwerke bieten gegen institutionelle Anleger 

Ein weiterer Punkt wird in vielen Häusern noch unterschätzt: Der nEHS ist kein exklusiver Markt der Compliance-Teilnehmer. Marktteilnehmer können ausdrücklich auch Händler sein. Gleichzeitig darf die Summe der Gebote eines einzelnen Bieters je Auslieferungskonto bis zu 50 % der für einen Auktionstermin vorgesehenen Versteigerungsmenge erreichen.

Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass institutionelle Investoren die Auktionen dominieren werden. Aber es ist naheliegend, dass finanzstarke Akteure in einem knappen Primärmarkt zusätzlichen Wettbewerbsdruck erzeugen können – gerade dann, wenn sie auf spätere Vermarktungsmöglichkeiten im Sekundärmarkt setzen. Für Stadtwerke wäre es riskant, dieses Szenario in der Beschaffungsstrategie auszublenden.

Die Beschaffungsstrategie beginnt vor dem ersten Auktionstermin

Gerade für Stadtwerke entscheidet sich der Erfolg deshalb nicht im Auktionsfenster selbst, sondern in der Vorbereitung:

  • Ermöglicht der bisherige Marktzugang eine Teilnahme an den Auktionen?
  • Ist es sinnvoller, über einen Intermediär am Markt teilzunehmen?
  • Mit welcher Strategie wird auf das Risiko einer Untereindeckung in der Auktionsphase reagiert?
  • Welche Gebotsmengen ergeben sich daraus?
  • Wie können Prognosen für die zu beschaffende Menge optimiert werden?
  • Welches Liquiditäts- und Ertragsrisiko kann eingegangen werden?


Wer diese Fragen erst während der ersten Auktionen beantwortet, lernt im Live-Betrieb eines knappen Marktes – und bezahlt dafür im Zweifel mit Preisaufschlägen der Festpreisphase.

Fazit

2026 wird der nEHS für Stadtwerke vom kalkulierbaren Preisbestandteil zur echten Beschaffungsdisziplin. Ein knapper Primärmarkt, ein potenziell verkürztes Auktionsfenster, Pro-rata-Kürzungen und zusätzliche Konkurrenz durch Handelsakteure verändern die Logik der Beschaffung grundlegend. Abwarten ist deshalb keine vorsichtige Haltung mehr. Es ist die riskanteste Strategie im Markt.

Für Fragen oder bei Unterstützungsbedarf zu Markt- und Bietstrategien stehen wir gerne zur Verfügung.

Dr. Mario Götz
Manager
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Jasper Specht
Senior Consultant
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