Handel & Vertrieb | 24.03.2026 (K)ein goldenes Ende im Stromvertrieb? – Wie steigende PV-Eigenverbrauchsquoten die Stromabsatzziele infrage stellen Autoren: Johannes Hüllenkremer | Dr. Mario Götz

 

Die Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Verkehr eröffnet grundsätzlich neue Absatzchancen im B2C-Strom-Vertrieb von EVU. Doch trotz massiven Wärmepumpenzubaus und sich beschleunigendem Hochlauf der Elektromobilität sind die spezifischen Absatzmengen kaum gestiegen oder sogar zurückgegangen. Warum das goldene Ende im Stromvertrieb ausbleiben könnte, wird in diesem Beitrag erläutert. 

Die Anzahl von Energiewendeanlagen wie Wärmepumpen, Wallboxen, PV-Anlagen und Batteriespeicher wird sich bis 2045 absehbar mehr als verfünffachen. Während der konventionelle Strombedarf von B2C-Kunden effizienz- und demografiegetrieben voraussichtlich leicht zurückgehen wird, steigt der zusätzliche Strombedarf aus der Elektrifizierung von Wärme und Verkehr signifikant an.

Entgegen den Erwartungen vieler EVU zeigte sich die Entwicklung bisher noch nicht oder kaum in einem gestiegenen Stromabsatz. Ursache hierfür ist, dass der PV-Zubau im B2C-Kundenbereich deutlich schneller erfolgte als der Hochlauf der neuen Verbraucher. In den vergangenen Jahren sind Stromabsatzmengen in Regionen mit starkem Zubau von PV-Dachanlagen sogar gesunken.

Entwicklung des Eigenverbrauchs

Der PV-bedingte, gestiegene Eigenverbrauch wirkt dem Wachstum der Absatzmengen entgegen. Während klassische PV-Dachanlagen ohne Batterie, Wärmepumpe und Wallbox eine Eigenverbrauchsquote des selbsterzeugten PV-Stroms von etwa 20-40 % ermöglichen, steigt dieser Anteil mit dem Komplettpaket dieser Technologien auf 70-80 % an. Ohne Home Energy Management System (HEMS) liegt man am unteren Ende des Bereichs, mit HEMS am oberen.

Mit zunehmendem Roll-out der PV-Anlagen und neuen Verbrauchern steigt die Eigenverbrauchsquote im Mittel über alle B2C-PV-Anlagenbetreiber kontinuierlich an. Je nach Szenario und unterschiedlicher Ausbaugeschwindigkeit der Technologien ergibt sich somit eine Bandbreite der Höhe der Eigenverbrauchsquote von ca. 58-73 %. Je häufiger PV-Anlagen installiert werden, desto niedriger fällt die mittlere Eigenverbrauchsquote aus.

Resultierender Stromabsatz

Werden die Effekte gegeneinander gelegt, ergibt sich exemplarisch folgendes Bild für den Haushaltsstrombedarf in Deutschland. Der konventionelle Strombedarf (rot) geht aufgrund der demografischen Entwicklung sowie von Effizienzanstrengungen – insbesondere bei Haushaltsgeräten (weiße Ware) – allmählich zurück. Gleichzeitig steigt der Bedarf durch Wärmepumpen (grau). Doch auch hier wirken Effizienzgewinne und die Demografie dämpfend, sodass sich das Wachstum ab 2035 deutlich abschwächt. Das größte Wachstumspotenzial liefert hingegen die E-Mobilität (orange). Insgesamt steigt der Haushaltsstrombedarf in diesem Szenario um ca. 42 % an.

Spiegelbildlich erhöht sich die gesamte Bedarfsdeckung in gleichem Maße – nicht jedoch der Stromabsatz. Da gleichzeitig die PV-Dachanlagen ausgebaut werden und sich die Eigenverbrauchsquote des produzierten PV-Stroms deutlich erhöht, wirkt dies dem Anstieg des Netzbezugs (gelb) deutlich entgegen. In der Spitze könnte der Stromnetzbezug privater Haushalte während der stärksten Roll-out-Phase bis 2035 um gerade einmal 18 % anwachsen, er sinkt bis 2045 jedoch wieder nahezu auf das Ausgangsniveau ab (+7 %). Eine besondere Schwierigkeit besteht dabei in der Netzdimensionierung. Während die Anschlussleistung signifikant steigt – und damit auch der Bedarf an Netzinfrastruktur – sinken die Netzmengen.

Die Entwicklung kann regional sehr unterschiedlich sein – je nach Siedlungsstruktur (Stadt vs. Land), Gebäudestruktur (EFH vs. MHF) und der jeweiligen Wirtschaftskraft im Marktgebiet. In der Stadt mit vielen Mehrfamilienhäusern und damit weniger PV-Dachanlagen resultiert ein deutlich geringerer PV-Eigenverbrauch als in Randgebieten oder ländlichen Regionen.

Handlungsempfehlungen

Mit wachsenden selbstgenutzten PV-Mengen verschiebt sich die Wertschöpfung vom reinen Commodity-Vertrieb hin zu integrierten Lösungen rund um Eigenerzeugung, Flexibilität und Systemintegration. EVU, die weiterhin primär auf Mengeneffekte im Standardstromvertrieb setzen, laufen Gefahr, in strukturell stagnierenden Volumina mit sinkenden Margen gefangen zu bleiben.

Vor diesem Hintergrund empfehlen wir folgende Maßnahmen, um die Entwicklung zu antizipieren und bestmöglich davon zu profitieren:

1. Realistische Marktpotenzialanalyse für den Stromabsatz im Marktgebiet

  • Datenbasierte Abschätzung des Technologiehochlaufs in verschiedenen Szenarien im eigenen Marktgebiet


2. Vertriebsstrategie & Controlling

  • Entwicklung von Vision, Mission und strategischen Zielen für den Strom-, Gas-, Wärme und EDL-Vertrieb
  • Einrichtung eines strategischen und operativen Controllings mit zielorientierten KPIs zur Sicherstellung der Zielerreichung


3. Produktentwicklung

  • Analyse der Kundenbedürfnisse und der Customer Journey auf Basis typischer Personas
  • Entwicklung wettbewerbsfähiger und passfähiger Produkte mit hoher Kundenbindung zur Unterstützung des Stromabsatzes: Wärmepumpen, Wallboxen, HEMS, Bündelprodukte mit PV-Batterien, attraktive dynamische Tarife und Wärmepumpentarife
  • Herstellung von Konsistenz mit der Fernwärmestrategie/KWP und der Gasnetzentwicklungsplanung
  • Umsetzung auf Basis digitalisierter und hochautomatisierter Prozesse zur Minimierung der Cost-to-Serve
  • Nutzung von Kooperationen mit anderen EVU und dem lokalen Handwerk


4. Maximierung Stromabsatz

  • Wandlung von Gaskunden in Strom- (oder Fernwärme-)Kunden durch konzertiertes Vorgehen
  • Stärkung der Kundenrückgewinnung und lokale Verankerung durch gezielte Kommunikation
  • Stringentes Vertriebscontrolling zur Sicherung von Deckungsbeiträgen und  Servicequalität; Plattformoptimierung 
     

5. Effizienzsteigerung

  • Reduktion der Vertriebskosten durch Optimierung, Digitalisierung und Automatisierung zur teilweisen Kompensation sinkender Margen

 

Gerne unterstützen wir Sie beim Aufbau eines zukunftsfähigen Energievertriebs und stehen für einen Austausch zur Verfügung.

Johannes Hüllenkremer
Leiter Kompetenzteam Strategie & Kooperationen
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Dr. Mario Götz
Manager
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