Newsletter Nachhaltigkeit | 23.09.2026 Europa unter Strom: EU-Kommission setzt mit neuem Aktionsplan auf „Electrification First“ Autoren: Philip Hillebrand

 

Die Wärmeversorgung ist eine der größten Emissionsquellen von Energieversorgern. Mit den am 26. August 2026 vom Bundeskabinett beschlossenen Eckpunkten zum Wärmenetzpaket soll nun der regulatorische Rahmen für Ausbau und Dekarbonisierung der Wärmenetze grundlegend modernisiert werden. Für Energieversorger schafft dies neue Chancen für die Transformation der Wärmeversorgung, verbindet diese aber zugleich mit höheren Anforderungen an Preisgestaltung, Transparenz und Wirtschaftlichkeit.

Elektrifizierung soll Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit verbinden

Mitte Juli dieses Jahres hat die EU-Kommission einen neuen Aktionsplan zur Elektrifizierung Europas veröffentlicht. Der Plan gibt Aufschluss über die langfristige strategische Ausrichtung der europäischen Energiepolitik: Electrification first!

Ausgangspunkt des Aktionsplans ist die weiterhin hohe Abhängigkeit Europas von importierten fossilen Energieträgern. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission erhöht diese nicht nur die Anfälligkeit gegenüber geopolitischen Schocks, sondern belastet über hohe Energiepreise auch die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Die strategische Antwort lautet daher: mehr heimisch erzeugter, sauberer Strom und eine stärkere direkte Elektrifizierung des Energieverbrauchs.

Als Orientierungswert nennt die Kommission einen Anstieg des Stromanteils am Endenergieverbrauch der EU von derzeit rund 23 Prozent auf 46 Prozent bis 2040. Ob dieser indikative Wert als energiepolitisches Ziel verankert wird, soll im Rahmen des Post 2030 Energieunion-Pakets geprüft werden. Nach Berechnungen der Kommission könnten dadurch die jährlichen Ausgaben für fossile Energieimporte um rund 260 Mrd. Euro sinken. Gleichzeitig würden die Gasimporte um mehr als 70 Prozent und die Rohölimporte um rund 40 Prozent zurückgehen.

Strom muss gegenüber fossilen Energieträgern wettbewerbsfähiger werden 

Eine wesentliche Hürde für die Elektrifizierung sieht die Kommission im heutigen Preisverhältnis zwischen Strom und fossilen Energieträgern. Strom ist in vielen Anwendungsfällen trotz höherer Effizienz noch zu teuer,
um einen wirtschaftlichen Wechsel etwa von Gas zu elektrischen Technologien auszulösen. Bis 2030 soll der Strompreis für Haushalte weniger als das 2,5-fache und für Industrieunternehmen weniger als das Doppelte des Gaspreises betragen. Dazu sollen insbesondere Netzentgelte, Steuern und Abgaben gesenkt werden.

Mit einem parallel zum Aktionsplan vorgelegten Legislativvorschlag will die Kommission den Mitgliedstaaten unter anderem mehr Spielraum geben, Netzentgelte für bestimmte Verbrauchergruppen und Steuern für energieintensive Unternehmen zu reduzieren. Der Vorschlag muss jedoch noch vom Europäischen Parlament und vom Rat beraten werden. Auch bestehende steuerliche Unterschiede zwischen Strom und Gas sollen überprüft und fossile Subventionen perspektivisch zurückgeführt werden. 

Darüber hinaus sollen der Smart-Meter-Rollout, der Ausbau der Stromnetze und innovative Elektrifizierungstechnologien beschleunigt werden. Damit adressiert die Kommission neben dem Energiepreis eine zweite zentrale Herausforderung: Elektrifizierung funktioniert nur, wenn Netze und Flexibilität mit dem steigenden Strombedarf Schritt halten.

Die Umsetzung erfolgt über Maßnahmen und weitere Rechtsakte

Der Electrification Action Plan ist zunächst eine strategische Mitteilung der Europäischen Kommission und entfaltet selbst keine unmittelbare rechtliche Bindung. Entscheidend wird daher die Umsetzung der angekündigten Einzelmaßnahmen. Dazu gehört insbesondere der parallel vorgelegte Legislativvorschlag zur Weiterentwicklung von Stromrechnungen und Netzentgelten, über den das Europäische Parlament und der Rat noch beraten müssen. Weitere Maßnahmen – etwa sektorspezifische Elektrifizierungs-Roadmaps sowie neue Instrumente für Wärme, Industrie und flexible Verbraucher – sollen schrittweise konkretisiert werden.

Industrie, Wärme und Verkehr rücken in den Fokus

Besonders hohe Elektrifizierungspotenziale sieht die Kommission in drei Verbrauchssektoren:

Gebäude
Die Verbreitung von Wärmepumpen soll deutlich beschleunigt werden. Bis 2030 strebt die Kommission eine jährliche Installationsrate von rund 4 Mio. Wärmepumpen an – gegenüber 2,4 Mio. im Jahr
2025. Unterstützend sollen unter anderem ein möglicher „Clean Heat Market Mechanism“, Finanzierungsinstrumente und ein neuer „Cooling and Heating Action Plan“ wirken.

Verkehr
Neben einer stärkeren Verbreitung emissionsfreier Fahrzeuge soll insbesondere die Ladeinfrastruktur schneller ausgebaut werden. Bis 2030 strebt die Kommission unter anderem eine Zielgröße von 400.000 emissionsfreien Lkw an.

Industrie
Nach Einschätzung der Kommission könnten bereits heute rund 60 Prozent des industriellen Energiebedarfs elektrifiziert werden. Investitionen sollen unter anderem über einen überarbeiteten EU-ETS-Rahmen, die Industrial Decarbonisation Bank sowie einen ETS Investment Booster unterstützt werden. Zusätzlich sind sektorspezifische Elektrifizierungs-Roadmaps vorgesehen.

Was bedeutet der Electrification Action Plan für Energieversorger?

Für EVU ist der Aktionsplan vor allem ein strategisches Signal für eine Verschiebung der energiewirtschaftlichen Wertschöpfung. Die Kommission macht deutlich, dass ein immer größerer Teil des
Energieverbrauchs künftig über Strom gedeckt werden soll. 

Daraus ergeben sich vier zentrale Implikationen:

  • Strom gewinnt strukturell an Bedeutung. Wärmepumpen, Elektromobilität und industrielle Elektrifizierung schaffen zusätzliche Stromnachfrage und eröffnen Potenziale für neue Produkte, Dienstleistungen und Kundenlösungen.
     
  • Netzinfrastruktur wird zum Schlüssel der Transformation. Höhere Lasten und neue Verbrauchsprofile erhöhen den Handlungsdruck bei Netzausbau, Netzanschlüssen, Digitalisierung und Steuerbarkeit. Gleichzeitig gewinnen Speicher, dynamische Tarife und Flexibilitätslösungen an Bedeutung.
     
  • Fossile Geschäftsmodelle geraten weiter unter Druck. Insbesondere Gasvertrieb und Gasnetze müssen langfristig mit sinkenden Absatzmengen rechnen. Für EVU wird damit die Frage wichtiger, welche Infrastruktur weiterbetrieben, transformiert oder perspektivisch stillgelegt wird.
     
  • Sektorenkopplung wird zum Geschäftsmodell. Die Grenzen zwischen Stromvertrieb, Wärme, Mobilität und Energiedienstleistungen verschwimmen weiter. EVU können ihre regionale Position nutzen, um Kunden beim Wechsel von fossilen auf elektrische Lösungen ganzheitlich zu begleiten.

Der Electrification Action Plan unterstreicht den strategischen Paradigmenwechsel im europäischen Energiesystem: Dekarbonisierung soll künftig deutlich stärker über direkte Elektrifizierung erfolgen. Für Energieversorger bedeutet dies einerseits wachsende Marktpotenziale in Strom, Wärme, Mobilität und Flexibilität – andererseits einen steigenden Transformationsdruck auf Netze und fossile Geschäftsmodelle. Entscheidend wird sein, die Elektrifizierung nicht nur als regulatorische Entwicklung, sondern als Leitplanke für die eigene Investitions- und Portfoliostrategie zu verstehen und den Wandel im eigenen Unternehmen über eine systematische Dekarbonisierungs- (und -Elektrifizierungs-)Strategie zu begleiten.
 

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Philip Hillebrand
Consultant
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