Herr Knaut, weshalb sind Banken wie die DKB bei der Kreditvergabe auf ESG-Daten ihrer Kunden angewiesen? Wozu benötigen sie diese?
ESG-Daten helfen Banken dabei, Risiken zu beurteilen, die sich über die Laufzeit einer Finanzierung auf die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens auswirken können. Dazu gehören beispielsweise regulatorische Veränderungen, steigende CO₂-Kosten, physische Klimarisiken oder die Frage, ob bestehende Geschäftsmodelle und Infrastrukturen langfristig tragfähig bleiben.
Gerade bei langfristigen Finanzierungen geht es deshalb zunehmend darum, nicht nur auf die heutige wirtschaftliche Situation eines Unternehmens zu schauen, sondern auch auf seine Zukunftsfähigkeit. ESG-Informationen und belastbare Transformationspläne ergänzen dabei die klassischen Finanzkennzahlen und fließen in die Kredit- und Risikobeurteilung sowie in die Portfoliosteuerung der Banken ein.
Mit welcher Entwicklung ist hier in den nächsten Monaten und Jahren noch zu rechnen?
Die Bedeutung von ESG-Informationen für die Kreditvergabe dürfte weiter zunehmen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass sich der Fokus verändert: Weniger die reine Erhebung möglichst vieler Datenpunkte, sondern deren Relevanz für das tatsächliche Kreditrisiko wird in den Vordergrund rücken.
Für Unternehmen wird damit insbesondere die Frage wichtiger, ob sie einen nachvollziehbaren und wirtschaftlich tragfähigen Transformationspfad aufzeigen können. Für Stadtwerke betrifft das beispielsweise die zukünftige Rolle von Gasnetzen, den Ausbau von Strom- und Wärmenetzen sowie die Dekarbonisierung der Erzeugung. Banken werden stärker verstehen wollen, welche Investitionen daraus entstehen, wie diese finanziert werden sollen und wie sich die Transformation auf die langfristige Ertrags- und Schuldendienstfähigkeit auswirkt.
Bekommen nachhaltige Stadtwerke bessere Kreditkonditionen von ihrer Bank als weniger nachhaltige?
Nachhaltigkeit führt nicht automatisch zu günstigeren Kreditkonditionen. Für die Preisgestaltung bleiben insbesondere Bonität, Kapitaldienstfähigkeit, Laufzeit, Sicherheiten, Kapitalbindung und die konkrete Finanzierungsstruktur entscheidend.
Nachhaltigkeits- und Transformationsrisiken können sich jedoch zunehmend auf die Risikoeinschätzung auswirken. Ein Stadtwerk mit einem wirtschaftlich belastbaren Transformationspfad und beherrschbaren Investitionsrisiken kann langfristig anders beurteilt werden als ein vergleichbares Unternehmen mit hohen Abhängigkeiten von Geschäftsmodellen oder Infrastrukturen, deren wirtschaftliche Perspektive zunehmend unsicher ist. Darüber hinaus können bei entsprechenden Finanzierungsinstrumenten Nachhaltigkeitsziele auch unmittelbar Bestandteil der Konditionengestaltung sein.
Bekommen Stadtwerke noch Geld für ihr Gasnetz? Unter welchen Bedingungen?
Ja. Die Finanzierung von Gasnetzen ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Bestehende Netze werden noch über viele Jahre für die Versorgung benötigt und müssen sicher betrieben, gewartet und gegebenenfalls modernisiert werden.
Mit der Transformation verändert sich allerdings die Perspektive auf langfristige Investitionen. Für Banken wird wichtiger, wie lange ein Netz beziehungsweise einzelne Netzabschnitte wirtschaftlich genutzt werden können, wie die Investitionen amortisiert werden und wie sie sich in die kommunale Wärmeplanung und die langfristige Strategie des Stadtwerks einfügen. Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen und mögliche Nachnutzungen – beispielsweise für andere Energieträger – spielen dabei eine Rolle.
Insbesondere bei langfristigen Erweiterungsinvestitionen in reine Erdgasinfrastruktur dürfte der Begründungsbedarf daher steigen. Entscheidend ist weniger das pauschale Etikett „Gasnetz“ als die Frage, ob für die konkrete Investition ein wirtschaftlich und regulatorisch plausibler Pfad über die gesamte Finanzierungslaufzeit besteht.
Kontakt
Sebastian Seier
Leiter Kompetenzteam Nachhaltigkeit & Klimaschutz
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