Regulierung & Controlling | 22.09.2026 Netzverluste unter Druck: Warum die Aufgriffsschwellen der BNetzA zunehmend überschritten werden Autoren: Oliver Radtke | Kevin Löer | Simon Kutzner

 

Die Energiewende verändert nicht nur die Erzeugungs- und Verbrauchsstruktur in den Stromverteilnetzen und damit die Richtung, Dauer und Gleichzeitigkeit der Lastflüsse. Sie wirkt sich auch auf die Netzverluste aus. Viele Netzbetreiber stellen inzwischen fest, dass die von der Bundesnetzagentur (BNetzA) verwendeten Aufgriffsschwellen für Verlustenergie immer häufiger überschritten werden. Was früher als Ausnahme galt, entwickelt sich zunehmend zum Regelfall.
 

Die Aufgriffsschwelle wird zum Prüfpunkt

Die BNetzA ermittelt die Verlustenergiequote je Netz- bzw. Umspannebene grundsätzlich als Verhältnis der physikalisch bedingten Netzverluste zur auf dieser Ebene eingespeisten Energiemenge. Die eingespeiste Energiemenge einer Netz- bzw. Umspannebene umfasst sowohl den Bezug aus vorgelagerten Netzebenen als auch die Einspeisung dezentraler Erzeugungsanlagen innerhalb der jeweiligen Ebene. Überschreitet die Verlustquote einer Ebene den von der BNetzA angesetzten Schwellenwert, werden die in der Erlösobergrenze (EOG) anerkannten Verlustenergiemengen gekürzt. Zur Vermeidung der Kürzung muss der Netzbetreiber nachweisen, dass die Mehrverluste tatsächlich angefallen und nicht auf vermeidbare Ineffizienzen zurückzuführen sind. 

Für die vierte Regulierungsperiode wurden folgende Schwellenwerte angesetzt:

NetzebeneWestOst
Hochspannung, NE 30,5 %0,5 %
Umspannung Hoch- zu Mittelspannung, NE 40,5%0,5 %
Mittelspannung, NE 51,0 %1,5 %
Umspannung Mittel- zu Niederspannung und Niederspannung, NE 6 und 7 zusammen2,3 %2,9 %


Diese Werte stellen keine technische Obergrenze dar. Sie dienen vielmehr als Aufgriffskriterium für eine vertiefte regulatorische Prüfung. Dennoch gewinnen sie zunehmend an Bedeutung, da eine nicht ausreichend begründete Überschreitung zu Kürzungen bei der anerkannten Verlustenergiemenge führt.

Die Entwicklung war absehbar

Dass die Verlustquoten vieler Verteilnetzbetreiber heute oberhalb der Aufgriffsschwellen liegen, ist nicht überraschend. Bereits Anfang 2023 hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) im Rahmen seiner Stellungnahme „Festlegung volatiler Kosten zur Berücksichtigung von Verlustenergiekosten in der vierten Regulierungsperiode“ insbesondere kritisiert, dass die anzuerkennende Verlustenergiemenge auf dem Niveau des Basisjahres festgeschrieben wird, obwohl sich die Netzstrukturen durch die Energiewende grundlegend verändern.

Warum die Netzverluste steigen

Die Ursachen liegen vor allem in den strukturellen Veränderungen der Stromversorgung. Während die Netze früher überwiegend von zentralen Kraftwerken gespeist wurden, prägen heute Photovoltaik-, Wind- und Speicheranlagen das Lastflussgeschehen. Strom fließt nicht mehr ausschließlich von den höheren zu den niedrigeren Spannungsebenen, sondern zeitweise auch in umgekehrter Richtung. Rückspeisungen aus der Niederspannung bis hin zur Hochspannung werden vielerorts zum Normalfall.

Entscheidend ist dabei nicht die jährlich transportierte Energiemenge, sondern der zeitliche Verlauf der Ströme. Da ohmsche Verluste näherungsweise mit dem Quadrat des Stroms ansteigen, können hohe Einspeisespitzen überproportional verlustwirksam sein. Lokale Erzeugung senkt Verluste zunächst, weil Transportwege verkürzt werden. Übersteigt die Einspeisung jedoch den lokalen Verbrauch, kehrt sich dieser Effekt um. Die dezentral erzeugte Leistung muss weit transportiert und verteilt werden. In Zeiten hoher dezentraler Einspeisung werden die Leitungen und ggf. Transformatoren besonders stark belastet. Die Folge sind steigende Netzverluste.

Zusätzlich kommen neue Verbraucher hinzu. Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur für Elektromobilität, Klimaanlagen sowie die zunehmende Elektrifizierung vieler Anwendungen erhöhen die Belastung insbesondere in den unteren Spannungsebenen. Da die stromabhängigen Netzverluste mit dem Quadrat des Stromes zunehmen, führen höhere Lastflüsse in Freileitungen, Kabeln und Transformatoren überproportional zu steigenden Verlustenergiemengen.

In der Niederspannung führt zudem der Rollout intelligenter Messsysteme zu steigenden Netzverlusten, da intelligente Messsysteme typischerweise einen höheren Eigenverbrauch haben als konventionelle Ferraris-Zähler. Da der Eigenverbrauch der Messsysteme unmittelbar im Netz erfolgt und nicht beim Letztverbraucher erfasst wird, erhöht er die Differenz zwischen eingespeister und abgerechneter Energiemenge und wird damit den Netzverlustenergiemengen zugerechnet. Mit fortschreitendem Smart-Meter-Rollout und einer steigenden Anzahl installierter intelligenter Messsysteme ist deshalb mit einem zusätzlichen Anstieg der bilanziellen Netzverlustenergiemengen zu rechnen.

Besonders betroffen: Mittel- und Niederspannung

Die größten relativen Verluste treten traditionell in den Netzebenen 5 bis 7 auf. Dort wirken mehrere Faktoren gleichzeitig: hohe Ströme aufgrund niedriger Spannungen, lange und verzweigte Leitungsnetze, Transformatorverluste sowie zunehmende dezentrale Einspeisung. Gerade in ländlichen Netzgebieten mit hoher Photovoltaikdurchdringung entstehen häufig Situationen, in denen Ortsnetze über längere Zeiträume rückspeisen. Die Stromrichtung ist für die Kupferverluste unerheblich, die Stromhöhe jedoch nicht.

Hinzu kommt, dass viele Netzbetreiber heute mit Netzstrukturen arbeiten, die für ein anderes Lastflussverhalten ausgelegt wurden. Die starke Streuung der Verlustquoten zwischen den Netzbetreibern zeigt, dass pauschale Annahmen immer weniger geeignet sind. Netzstruktur, Erzeugungsmix und Verbrauchscharakteristik beeinflussen die Verlustenergiemengen heute stärker denn je.

Der Nachweis wird wichtiger

Vor diesem Hintergrund wächst die Bedeutung eines belastbaren Verlustnachweises für die anstehende Kostenprüfung. Eine reine Restgrößenbetrachtung aus der Energiebilanz reicht künftig vielfach nicht mehr aus. Gefordert sind netzebenenscharfe Energiebilanzen, nachvollziehbare Energieflussrechnungen und bei größeren Abweichungen ggf. sogar zeitreihenbasierte Netzberechnungen. Gleichzeitig sollten Netzbetreiber darlegen, welche technischen Maßnahmen zur Verlustminderung geprüft wurden und warum verbleibende Verluste wirtschaftlich oder technisch nicht vermeidbar sind.

Fazit

Die aktuellen Aufgriffsschwellen der BNetzA basieren im Wesentlichen auf den historischen Verlustquoten, während sich die Verteilnetze durch Photovoltaik, Elektromobilität, Wärmepumpen und bidirektionale Lastflüsse grundlegend verändern. Bereits 2023 hatte der BDEW darauf hingewiesen, dass diese Entwicklungen zu steigenden Verlustenergiemengen führen und neue Anforderungen an deren Nachweis stellen können. Die Überschreitung einer Aufgriffsschwelle ist deshalb heute nicht zwangsläufig ein Indiz für Ineffizienz. Häufig ist sie Ausdruck veränderter Netzstrukturen mit neuem Lastflussverhalten. Für Netzbetreiber wird es künftig entscheidend sein, diese Entwicklungen transparent, datenbasiert und regulatorisch belastbar nachzuweisen. Nur so lassen sich die tatsächlichen Verlustenergiemengen auch in zukünftigen Regulierungsperioden umfassend anerkennen.
 

Oliver Radtke
Leiter Kompetenzteam Regulierung
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Kevin Löer
Senior Manager
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